Kürzlich aus einem Nachlass erstanden ist uns “Das Kristall-Ei” von Herbert George Wells in die Hände gefallen. Der Name Wells ist mit den Anfängen der Science Fiction (er selbst nannte sie nicht so, da er sie mehr als Gedankenspiele betrachtete denn als wirkliche technische Voraussagen) und der Phantastik verknüpft, und beim Lesen dieses Buches wird auch klar weshalb.
Es beinhaltet eine Sammlung von 15 Kurzgeschichten aus dem Zeitraum 1894 – 1904, die alle zur Hochphase seiner phantastischen Werke gehören. Die Form der Kurzgeschichten ist bereits dieselbe, die in heutigen Sammlungen verwendet wird, und der Erzählstil der Geschichten ist ebenfalls vertraut; in den meisten Fällen ist es ein Erzähler, der merkwürdige Ereignisse für die Leserschaft festhält. Das dieses Stilmittel zu dieser Zeit sehr beliebt war, kann man auch an den bekannten Sherlock-Holmes-Romanen sehen, bei denen Watson diese Rolle einnimmt.
Die im Sammelband enthaltene Erzählung “Plattners Geschichte” könnte hinsichtlich Stil und Inhalt sogar eine direkte Vorlage für Lovecrafts Kurzgeschichten sein. Das – oder schnöde vage Kategorisierung des Stoffs nach ungefährer Sparte und Zeit – hat wohl auch den dtv-Verlag dazu gebracht, folgendes Cover zu verwenden:
Dieses Cover erscheint uns allerdings als völlig unpassend, da es mit der Giger-Optik an die gegenwärtige Lovecraft-Welle erinnert. Wells und Lovecraft haben aber sehr unterschiedliche Weltanschauungen, mitunter deshalb erwecken Wells’ Geschichten eher Faszination anstelle von Grauen. Sie haben auch durchaus eine gesellschaftliche und politische Aussage, die so nicht in Lovecrafts Werken enthalten sind. Die uns vorliegende Ullstein-Ausgabe von 1983 hat ein schlichtes violettes Cover im Stil der grünen “Herr der Ringe”-Romane von Klett-Cotta, das ungleich besser passt.
Wir können die Sammlung nur empfehlen als einen angenehmen Einstieg in Wells Werke, der sich hier überraschend anders zeigt als in seinem primär bekannten “Krieg der Welten” oder der “Zeitmaschine” – oder in den generischen Blockbustern, bei denen sie als bloße Namensgeber herhalten mussten.
Den besten subjektiven Eindruck hatten wir übrigens, wenn wir lediglich eine Geschichte pro Abend gelesen haben, was ihnen angenehm viel Freiraum zum Nachwirken gegeben hat. Auch das Nachwort von Franz Rottensteiner ist sehr erhellend.
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