Nachdem ich mit Psychonauts und Advent Rising zwei mir bislang unbekannte PC-Titel vorgestellt hatte (die aber trotzdem schon zwei Jährchen am Markt waren), ist heute ein noch älterer Klassiker von 2004 an der Reihe, den ich schon seit einiger Zeit kenne und schätze. Der volle pompöse Titel lautet Vampire: The Masquerade – Bloodlines.
Der Name deutet es schon an, die gewählte Spielwelt ist die des Pen&Paper-Rollenspiels Vampire: The Masquerade. Kurz gesagt ist das eine Welt, in der unter der Oberfläche des gewöhnlichen Alltags Normalsterblicher allerhand esoterische und finstere Gestalten ihre dunklen Netzwerke gesponnen haben, beispielsweise Werwölfe, Magi, Wechselbälger und eben auch Vampire. Um letztere dreht es sich bei Bloodlines, denn man spielt einen armen Tropf, der sich nach einem vermeintlichen Liebesabenteuer in der Welt der Verdammten wiederfindet (oder wahlweise auch eine Tröpfin). Wobei diese Welt zwar mit Klischees arbeitet, aber sich wichtigerweise bei weitem nicht in ihnen erschöpft.
Die atmosphärische Umsetzung dieser Welt und die kleinen, aber feinen Unterschiede in der Handlung, die vom gewählten und gespielten Charakter abhängen, sind der große Clou des Spiels. Das beginnt schon mit der Blutlinie oder dem Vampirclan, für den sich der Spieler anfangs entscheiden muss – für die abstoßenden Nosferatu sind viele Unterhaltungen mit NPCs zumindest teilweise anders als für den Rest der “normalen” Vampirgesellschaft, und ähnliche Dinge. Wer die wahnsinnigen Malkavianer wählt, wird mit einem Charakter beglückt, der statt normaler Dialogzeilen immer nur halbpoetische Sätze von sich gibt – und darin teilweise Visionen vom weiteren Spielverlauf entdeckt! Generell stößt man bei eunem zweiten oder dritten Durchspielen immer wieder auf Nuancen, die einem vorher entgangen waren. Oder man kann Gespräche und Situationen durch andere Fähigkeitenverteilung anders lösen als zuvor. Entgegen bedauerlich vieler Rollenspiele haben hier wirklich alle wählbaren Fähigkeiten irgendwann einen Nutzen.
Abgesehen von der wirklich guten Erzählstruktur des Spiels ist vor allem die englische Sprachausgabe das Element, das am meisten beeindruckt, denn die Sprecher sind durchweg spitze. Ergänzt wird der Ton in der deutschen Fassung durch ausgezeichnet geschriebene Untertitel – die bereits erwähnten Malkavianersätze sind schlicht göttlich, und ich glaube ehtlich nicht, dass hier vom Original was verloren geht. Auch der Rest der akustischen Kulisse wie Musik oder SoundFX sind sehr gut, letztere hätten allerdings etwas reichlicher ausfallen können, vor allem in den gescripteten Zwischensequenzen.
Für die Liebhaber handfester Akschn gibt es ebenfalls hinreichend Gelegenheit im Spiel, sich auszutoben. Grob gesagt ist man als Spieler immer in zwei Arten von Gebieten unterwegs: erstens in Maskerade-Gebieten, in denen Vampire sich artig bedeckt halten müssen, damit die zahlenmäßig weit überlegenen Normalsterblichen und – viel schlimmer – die Vampirjäger nichts merken, und zweitens in reinen Vampir-Gebieten, in denen ordentlich gedroschen werden kann (und auch wird). Da sich der Spieler nämlich zunehmend als mehr oder minder freiwilliger Handlanger einer der vielen Vampirgruppierungen wiederfindet, gibt es auch regelmäßig Missionen auf Feindgebiet. Das sowas unbemerkt von der restlichen Welt vor sich gehen soll, ist zwar komplett unglaubwürdig (da war so ein Typ, der dreißig andere abwechselnd umgenietet oder ausgesaugt hat… egal…), stört aber eigentlich keinen aufgrund des Spaßfaktors.
Fazit: das Spiel ist eine außergewöhnlich gute Mischung aus Stimmung und solidem Gameplay. Und weithin erhältlich: jeder durchschnittliche MediaMarkt führt das Ding in der Spielepyramide (CD-Hülle für 10€) oder als GreenPepper-Titel (scheußlich grüne DVD-Hülle für 7€). Beide Fassungen sind ordentlich gepatcht und im Normalbetrieb fehlerfrei. Wer da weiter experimentieren möchte, kann sich von der immer noch breiten Fangemeinde im Netz reichlich Fanpatches ziehen – auch wenn die hauptsächlich den Schwierigkeitsgrad wahnwitzig hochschrauben.
Wenn euch Vampire und dunkle Mysterien also nicht prinzipiell völlig auf den Senkel gehen, ist das eines der besten Knete/Spaß-Verhältnisse, die der PC-Markt momentan bietet.

Kann ich nur so unterschreiben… zumal das auch ein Spiel ist, dass man gerne mehrmals hintereinander mit verschiedenen Charakteren durchspielt, eben weil sie sich so grundsätzlich unterscheiden… die Malkavianer haben mir aber auch am meisten Spaß gemacht *g*
In der Tat, allein die Stopp-Schild-Szene und der Fernsehmann.
Und auch die fünf verschiedenen Enden sind toll. Gut, es sind eigentlich viereinhalb, weil sich zwei Stück nur in einer fehlenden zweiten Endszene unterscheiden.
mich hast du letztens schon von dem spiel überzeugt, chrisch. steht auf meiner liste… wie so vieles