Über Sandman zu schreiben ist gar nicht so einfach, wie der Autor dieser Zeilen wiederholt feststellen musste. Bereits vor Monaten gelesen, musste “Das Puppenhaus” erneut zu Gemüte geführt werden, bevor darüber auch nur eine Zeile geschrieben werden konnte. Das liegt auf der einen Seite an der komplexen Geschichte und den vielen Handlungssträngen und auf der anderen Seite daran, dass es nach bislang 5 gelesenen Sandman-Büchern gar nicht so einfach ist, die Rahmenhandlung und die Kurzgeschichten bestimmten Bänden zuzuordnen. Einleitend lässt sich jedoch feststellen, dass der zweite Band auch ohne Kenntniss der Geschehnisse in Band 1 gelesen werden kann, obwohl einige bereits begonnene Handlungsstränge fortgeführt werden. Dem Verständnis tut dies allerdings keinen Abbruch.
Nach fast 100 Jahren Gefangenschaft kehrt der Sandman zurück in sein Reich, die Träume. Aber in seiner Abwesenheit hat sich einiges verändert. Drei Träume sind in die reale Welt geflüchtet, darunter der Korinther, ein Serienkiller mit einer ungesunden Anzahl von Zähnen. Weit gefährlicher scheint aber die Entstehung eines “Traumwirbels” in Gestalt eines jungen Mädchens zu sein, der das ganze Reich zerstören könnte.
Die eigentliche Geschichte ist viel zu komplex, um sie hier in wenigen Worten umfassend wiederzugeben. Immer wieder kommt es zu Unterbrechungen des eigentlichen Handlungsstranges durch Kurzgeschichten oder durch die Beschreibung von Träumen einiger Nebencharaktere. Es entsteh dadurch allerdings nie ein Bruch in der Geschichte. Gerade durch die vielen kleinen und großen, skurillen Nebensächlichkeiten wird der Leser mehr und mehr in die Geschichte gezogen: Die Menschen träumen in komplizierten, selbstbezogenen Schleifen oder begeben sich Nachts in Welten überbordend von Sex, Geld und Macht. Sie suchen nach Liebe oder einer eigenen Persönlichkeit. Doch letztlich suchen sie alle einen Ort, wo sie hingehören und wo sie sich sicher fühlen.
In einem Motel kommt es zu der aberwitzigsten und gleichzeitg abstossendsten Szenerie: Ein Kongress findet statt. Nicht irgendein Kongress, sondern ein Kongress von Sammlern. Der eine sammelt die Lippen seiner Opfer, der andere schneidet ihnen mit Vorliebe die Augen heraus, um sie anschließend zu essen. Diese Welt der Serienmörder und Peiniger findet sich also in einem Motel zusammen, um in erschreckend gespielter Normalität einen Kongress abzuhalten. Äußerlich lässt sich das Ganze nicht von einer Veranstaltung der Bänker oder Viehzüchter unterscheiden: Namensschilder werden verteilt, manche Teilnehmer sind im Anzug gekommen, es finden Podiumsdiskussionen statt, Filme werden gezeigt, man tauscht Erfahrungen aus. Diese Pervertierung etwas scheinbar so normalem und alltäglichem wirkt bedrohlich und führt uns gleichsam mit schwarzem Humor die Fassade unsere Welt vor Augen und zeigt, welche Abgründe dahinter lauern können. Grandios!
Eine Kurzgeschichte ist besonders erwähnenswert, auch weil sie sich am augenscheinlichsten von allen anderen Teilaspekten der Handlung unterscheidet. Die Geschichte beginnt im Mittelalter, wo sich Morpheus aus purer Neugier unter Menschen begibt, um sie mal “aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten”. Als stiller Beobachter wird er Zeuge, wie der Bauer Geoffrey in einer Diskussion erklärt, dass er nicht die Absicht habe zu sterben, weil das schließlich jeder so machen würde und das Ganze doch völliger Blödsinn sei. Morpheus trifft mit Geoffrey daraufhin eine Vereinbarung und verabredet sich mit ihm auf den Tag genau 100 Jahre später an gleicher Stelle. Nach den 100 Jahren lebt Geoffrey immer noch und so treffen sich die beiden zu besagter Zeit an besagtem Ort. Dieses Szenario wiederholt sich ab diesem Zeitpunkt viele Jahrhunderte lang und jedesmal erzählt Geoffrey von dem vergangenen Jahrhundert und seinem stetigen Auf und Ab. Dabei reflektiert er zusammen mit Morpheus das Geschehene, um sich jedesmal im Anschluss daran dafür zu entscheiden, weiterhin nicht sterben zu wollen. Doch was treibt Morpheus zu diesem “Spiel”? Was ist seine Intention? Ist es lediglich die Neugier oder steckt mehr dahinter?
Gerade diese Kurzgeschichte zeigt einmal mehr, wieviele Facetten Sandman zu bieten hat. “Das Puppenhaus” ist eine ausgezeichnet geschriebene Geschichte, gepaart mit viel schwarzem Humor, einigen philosophischen Ansätzen und einer guten Portion menschlicher Abgründe. Fantasy trifft menschliche Psyche. Und das Fazit lautet: Ein herausragendes Meisterwerk! Und dabei sogar noch einen Tick besser als Band 1.
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