Filmkritik: So finster die Nacht

Beitrag von phil 31 - Dezember - 2008

So finster die NachtDie Zeit von Mitte bis Ende Dezember eines jeden Jahres wird – neben obligatorischen Festen, wie Weihnachten und Silvester – von einem akuten Veröffentlichungsstop heimgesucht. Relevante Filme, Alben und Bücher erscheinen entweder während der Vorweihnachtszeit bis einschließlich Mitte Dezember oder werden erst im darauffolgenden Jahr unters Volk gebracht. In der Zwischenzeit liegt die komplette westliche Zivilisation in komatösem Zustand zu Hause vorm Fernseher und wird von unzähligen abendfüllenden (Fernseh-)Filmen mit mindestens ebenso vielen (gefühlten) Werbeunterbrechungen berieselt. Wirtschaft, Politik, Sport… ganz Deutschland befindet sich im kollektiven geistigen und körperlichen Urlaub… Von der DHL mal ganz zu schweigen. Um so schöner, wenn auch kurz vor Weihnachten noch der eine oder andere potentiell sehenswerte und vielleicht sogar außergewöhnliche Film in den hiesigen Kinos anläuft. So geschehen mit dem als Horror-Film deklarierten schwedischen Machwerk So finster die Nacht.

Der in sich gekehrte 12-jährige Oskar (Kare Hedebrant) wird in der Schule von seinen Mitschülern aufs Gröbste drangsaliert und hat niemanden, dem er sich mitteilen könnte. In Gedanken malt sich der sensible Junge Rachepläne aus, findet aber nie den Mut, diese auch umzusetzen. Als er die mysteriöse Eli (Lina Leandersson) kennen lernt, die er stets nur nach Sonnenuntergang und trotz Kälte ohne jegliche Winterbekleidung antrifft, scheint er endlich eine ihm verwandte Seele gefunden zu haben. Doch das bleiche Mädchen mit den traurigen Augen, das mit ihrem angeblichen Vater in der Nachbarwohnung lebt, ist ein Vampir und wird von ihrem Hunger nach menschlichem Blut getrieben.

Quelle: Filmstarts

Was sich im ersten Moment anhört wie ein banaler Vampir-Schinken, entpuppt sich schon nach wenigen Minuten als sehr ruhiges und melancholisches Beziehungsdrama. Vor der Kulisse einer verschneiten, schwedischen Kleinstadt konstruiert der Regisseur Thomas Alfredson eine fast schon stoisch anmutende Geschichte zweier Außenseiter, die sich in ihrer Andersartigkeit mehr und mehr ergänzen und immer wieder zusammenfinden. Von einem Horror-Film im ursprünglichen Sinne kann hier keine Rede sein. Die wenigen blutigen Szenen sind jedoch sehr stilvoll und durchweg abseits jedweder Hollywood-Klischees inszeniert. Die damit einhergehenden Bilder und Einstellungen beeindrucken nachhaltig und werden dem Zuschauer in jedem Fall auf lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Die Thematik des Vampirismus mit all seinen Facetten wird dabei als bekannt vorausgesetzt, wodurch dem Film erfrischenderweise endlose Aufklärungsversuche erspart bleiben.

Neben der inhaltlichen und stilistischen Einzigartigkeit des Films gibt es allerdings noch eine weitere Ebene die dem aufmerksamen Zuschauer nicht entgehen wird: Die nicht von der Hand zu weisende optische Übereinstimmung mit Charakteren aus bekannten Werken der Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren. Gerade Oskar und Eli erinnern hierbei sehr stark an Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter. Die Ähnlichkeit mit diesen beiden Charakteren ist mit Sicherheit kein Zufall, sondern stellt vielmehr eine Hommage an die schwedische Literatur dar. Neben der vordergründigen optischen Ähnlichkeit weisen die beiden Hauptprotagonisten allerdings auch (nicht ganz so offensichtliche) charakterliche Parallelen zu den genannten Kinderbuch-Charakteren auf. Oskar entpuppt sich in diesem Zusammenhang als eine durchdachte und konsequente Weiterentwicklung des ursprünglich lausbubenhaften und unangepassten Michel, der jedoch entgegen der Romanfigur in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen ist. Der Regisseur zeigt dem Zuschauer den Charakter eines “Michel”, wie er sich unter den besagten Umständen hätte entwickeln können. Auch das obligatorische Messer, mit dem Michel in Astrid Lindgrens Bücher noch seine Holzfiguren schnitzte, findet in So finster die Nacht seine Verwendung. Für Oskar ist es allerdings kein Schnitzwerkzeug, sondern vielmehr die Waffe mit der er sich vorstellt, an seinen Peinigern Rache zu nehmen. Bei Eli erinnert vor allem ihre vampirische Seite an das wilde und zivilisationsfremde Kind, welches viele in Ronja sehen.

Ungeachtet der Vielschichtigkeit und Stilsicherheit von So finster die Nacht gibt es allerdings auch die eine oder andere inhaltliche Schwäche. Eli wirkt zum Beispiel als Vampir sehr unbeholfen dafür, dass sie schon so lange “lebt”. Auch die Naivität und Einfachheit ihres Charakters erinnern vielmehr an eine 12jährige als an einen sehr viel älteren Vampir. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen bleibt die Beziehung zwischen Eli und Oskar für den Zuschauer immer nachvollziehbar, da beide auf der gleichen kindlichen Ebene agieren und kommunizieren.

So finster die Nacht ist in jedem Fall einer wenn nicht sogar der ungewöhnlichste Vampir-Film der letzten Jahre. Das langsame Erzähltempo, gepaart mit der schwedischen Menatlität und Grund-Melancholie sorgen für die passende Stimmung. Gerade die jungen Darsteller agieren dabei auf einem sehr hohen Niveau und werden angetrieben von einer liebevollen Geschichte, die nur vereinzelt von Horror-Elementen unterbrochen wird. Die Aufnahmen und der künstlerische Anspruch des Regisseurs kommen zur Geltung, drängen sich jedoch nie in den Vordergrund. Der Film funktioniert auf allen Ebenen und in seiner Gesamtheit nahezu perfekt. Wer ungewöhnliche Filme mag, sich von einem gedrosselten Erzähltempo nicht abschrecken lässt und mit einer Geschichte irgendwo zwischen Astrid Lindgren und Vampirromantik anfreunden kann, der kommt um So finster die Nacht definitiv nicht herum.

Rating: ★★★★½

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Ein Kommentar zu “Filmkritik: So finster die Nacht”

  1. TAPETRVE sagt:

    Hut ab, grandioses Review. Zu Eli’s kindlicher Unbeholfenheit sei nur so viel gesagt: Altkluge Hosenscheißer gibt es im Kino mehr als genug. Eli ist nun mal 12 und wird immer 12 bleiben. Körperlich, wie geistig. Sie mag so manche Erfahrung sammeln, aber ihre Wahrnehmung der Welt wird auf ewig die eines Kindes sein. Und deshalb ist die Entscheidung genau richtig.

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