Literatur: Lempière’s Wörterbuch

Beitrag von chrisch 12 - Januar - 2009

Es gibt Bücher, die liest man bequem und locker vor sich hin. Es gibt Bücher, die lässt man so schnell nicht mehr los. Und es gibt solche, die einen schlicht erschlagen. Genau so eins wollen wir hier mal vorstellen – eins, das uns in jeder Hinsicht erschlagen und erfreut hat. Nämlich dieses:

Lempières WörterbuchWas in diesem zweidimensionalen Cover noch recht harmlos aussieht, hat in der wirklichen Welt einen Umfang von 690 Seiten – ohne den ausgiebigen Anhang. Man muss also fairerweise sagen, dass man diese Art Literatur schon mögen und gewohnt sein muss, um das Buch nicht abgeschreckt wegzulegen.

Aber welche Art Literatur nun eigentlich? Rein stilistisch betrachtet orientiert sich Norfolk mit diesem Werk an historischen Romanen der vorletzten Jahrhundertwende, gibt sich also in Wortwahl und Satzbau durchgehend opulent und ein wenig ausschweifend, mischt dann aber kuriose Einsprengsel zeitgenössischer Formulierungen unter. Inhaltlich ist es eine rasante Mischung aus einer klassischen Romanze, Wirtschaftsthriller und Verschwörungsroman. Sogar mir einem Schuß an übernatürlichen Ereignissen und auch bizarrer technischer Erfindungen. Und es spricht eindeutig für Norfolks ausgeprägtes Können, dass er diese Vielzahl an Gedanken und Themen sinnvoll und packend verbinden kann, statt daraus einen drögen Brei zu köcheln, der von allem irgendwas bieten soll und nicht tut.

Und die Geschichte selbst? Spielt um 1787/1788 in England und dreht sich um den vergeistigten jungen John Lempière, der gedanklich in den Welten der klassischen Literatur voll und ganz zuhause ist, bis sein Vater in einer grotesken Szene stirbt, die Ovid’s Aktaion-Erzählung nachempfunden ist. Davon erschüttert macht er sich auf nach London, um dort den Nachlass des Vaters in Empfang zu nehmen. Und im gleichen Zug auch seltsame Unterlagen zu einem Geheimnis, dass sich einerseits um die Ostindien-Gesellschaft, andereseits um den Massenmord an den Hugenotten 1628 in La Rochelle zu drehen scheint. Wenn da nicht noch die weiteren verwirrenden Morde nach den Mustern antiker Mythen wären, deren Zeuge John immer wieder wird…

Dabei wird diese kurze Zusammenfassung der Themenvielfalt bei weitem nicht gerecht. Sowieso ist die Komposition von Themen, Geschichtsabschnitten und szenischen Bildern das herausragende Merkmal des Buchs. Damit meinen wir nämlich Norfolks Erzählstil, der von der unmittelbaren Beschreibung einer Szene überspringt zu John’s Gedankenwelt zu einer Analogie der Situation in der klassischen Geschichte zu einer anderen Geschichte zu der nächsten Hauptperson, die am anderen Ende der Szene steht und sie mit ganz anderen Augen wahrnimmt. Kurz gesagt kann man vielleicht Norfolks Geschichte mit einer kunstvollen Collage von ganz verschiedenen Erzählansätzen beschreiben, zwischen denen er mit Leichtigkeit wechseln kann. Den Eindruck einer Collage haben wir auch deshalb, weil die Geschichte oft in Etappen aus der Sicht der einzelnen Figuren erzählt wird, diese Etappen aber nicht strikt zeitlich aneinandergereiht sind, sondern sich an den Rändern überschneiden oder sogar in zeitlich umgekehrter Reihenfolge angeordnet sind.

Als nur rudimentär klassisch gebildete Untote sind wir allerdings während des Lesens oft unwissend über die vielen Namen der griechischen Mythologie hinweggestolpert. Glücklicherweise ergibt der Rest immer noch ein beeindruckendes und spannendes Werk, aber wer sowohl eine Vorliebe für spannende Romane und eine umfangreiche klassische Bildung sein eigen nennt, wird begeistert sein. Allen anderen sei tröstend gesagt: die Geschichte ist dermaßen gut, dass man auch ohne derartiges Wissen zurechtkommt und sie sofort zu einem zurückkehrt, wenn man das Buch erst mal eine kleine Weile weggelegt hatte, um nicht wie eingangs erwähnt vollkommen erschlagen zu werden.

Fazit: Wer ganz klar mal den Drang nach verspielter wortgewaltiger und und erstklassiger Literatur hat, wird hier bestens bedient. Wem die ganzen Analogien oder historischen Anspielungen zu bunt werden, kann im über 60 Seiten starken Anhang stöbern, den der Autor als Zugeständnis an die Leser beigefügt hat, die sich nicht wie er kopfüber in die Recherche Europas kurz vor der französischen Revolution geworfen haben :)

Übrigens: Der Anhang verrät auch, dass es den guten John Lempière und sein Wörterbuch wirklich gab, wenn auch nicht so wie im Roman breschrieben. Das historische Dictionary hat jahrhundertelang als Who-is-who der griechischen Antike gedient und so einen Grundstein des europäischen Klassizismus ausgemacht.

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