Comic-Kritik: 100 Bullets #1 – Der erste Schuss

Beitrag von phil 18 - Januar - 2009

100_bullets_1100 Bullets ist eine jener Serien, auf die man zwangsläufig stoßen muss, wenn man sich längerfristig mit dem Medium Comic im Allgemeinen und den Veröffentlichungen des Vertigo Verlages im Besonderen auseinandersetzt. Nahezu von allen Seiten hagelt es hierzu positive Kritiken und Glorifizierungen. Selbst Der Spiegel macht davor nicht halt und bezeichnet 100 Bullets als ein Szenario, für das “mancher Hollywood-Autor einen Mord begehen” würde. Worte wie “Meisterwek” oder “beste Comic-Serie, die das Medium seit Jahrzehnten hervorgebracht hat” können namhaften Comic-Autoren, wie Jim Lee oder Warren Ellis entlockt werden. Solche Lobpreisungen im Vorfeld machen uns natürlich neugierig, aber auch mistrauisch. Funktioniert hier nur die gute PR oder steckt hinter 100 Bullets wirklich das Meisterwerk, welches so offen propagiert wird?

Was würde ein Mensch tun, wenn ihm ein mysteriöser Fremder eine Waffe mit 100 Kugel aushändigen, völlige Immunität bzw. Straffreiheit garantieren und Hinweise auf ein oder mehrere Personen geben würde, die einem in der Vergangenheut großes Unrecht zugefügt hätten? Mit dieser Frage bzw. Grundkonstellation wird der erste Band von 100 Bullets eröffnet. Im Mittelpunkt der episodenhaften Geschichten stehen Dizzy Cordova, eine junge Latina aus dem Ghetto, deren Mann und Kind von korrupten Cops hingerichtet wurden, sowie Lee Dolan, der alles im Leben verloren hat, weil ein Yuppie mit Hacker-Kenntnissen und Langeweile Kinderpornos auf dessen Festplatte geladen hat. Beiden wird von einem gewissen Agent Graves, dessen Herkunft und Intention zunächst völlig unklar bleiben, mit Hilfe des eingangs genannten Szenarios die Möglichkeit geboten, mit ihrer Vergangenheit aufzuräumen. Vor dem Hintergrund dieses ehtischen und moralischen Dilemmas erfahren die beiden Hauptprotagonisten die wahren Ursachen und Hintergründe ihres materiellen, sozialen und menschlichen Abstiegs und müssen anschließend die vielleicht wichtigste Entscheidung in ihrem Leben treffen…

Was im ersten Band von 100 Bullets (noch) nicht zur Geltung kommt, an dieser Stelle dennoch erwähnt werden soll: Diese ethische Grundsatzentscheidung stellt lediglich eine Prüfung dar. Wer sie besteht, der hat das Zeug zum so genannten Minuteman. Mehr soll hierzu an dieser Stelle nicht verraten werden. Der kurze Verweis auf die weiterführende Handlung ist dennoch wichtig, da sich dem unbedarften Leser andernfalls der Eindruck aufdrängen könnte, 100 Bullets würde auch in den folgenden Bänden immer nach dem gleichen episodenhaft erzählten Prinzip agieren. Aufbauend auf dem Basiskonflikt zwischen Macht und Idealismus wird sich die Serie in den kommenden Bänden allerdings immer mehr zu einer Saga voller Korruption, Verschwörungen, Verrat, Mord, etc. entwickeln.

Der Zeichenstil und die Colorierung von 100 Bullets ist auffallen schlicht, um nicht zu sagen minimalistisch. Das mag dem einen oder anderen nicht gefallen, führt jedoch zwangsläufig dazu, dass sich der Blick automatisch mehr auf die eigentliche Geschichte fokussiert. Die Bilder sind dennoch sehr gelungen und unterstützen die Geschichte und Atmosphäre, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Die Geschichte selbst beginnt relativ schleppend und mit einem recht langsamen Erzählstil. Es braucht einige Zeit, bis man in der fiktiven Welt von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso angekommen ist. Anschließend will man das Comic allerdings nicht mehr beiseite legen und schlägt es erst mit der letzten Seite wieder zu. Was einen jedoch daran hindert, gleich alle Bände auf einmal zu verschlingen, ist die abstruse Veröffentlichungspolitik in Deutschland. Nach den ersten beiden Bänden sind zunächst die Bände 6-9 erschienen, ehe dann im November 2008 endlich Band 3 erschienen ist. Band 4 soll im Februar und Band 5 im Mai 2009 folgen. Zu den Hintergründen einer solchen Strategie kann nur gemutmaßt werden. Wer also die ersten 9 Bände von 100 Bullets mehr oder weniger in einem Rutsch lesen möchte, der muss diesbezüglich noch etwas Geduld aufbringen.

Die Bewertung des Serie fällt zu diesem Zeitpunkt noch recht schwer, da der erste Band lediglich den Auftakt darstellt und inhaltlich nur wenige Steine ins Rollen gebracht werden, die für den weiteren Verlauf der Reihe von Wichtigkeit sind. Im Grund lässt sich Band 1 mit dem Pilot-Film von guten amerikanischen Fernsehserien vergleichen: Tolles Szenario, interessanter Look und passende Atmosphäre. Allerdings wird im Grunde noch nichts zu irgendwelchen Hintergründen verraten oder kommenden Geschehnissen vorgegriffen. Damit lassen sich die Autoren noch alle Richtungen und Möglichkeiten offen, in die sie die Serie steuern können. Der erste Schuss erhält damit eine gewissen Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit und bietet sich daher auch interessierten Lesern an, die der Reihe nicht oder nur vielleicht weiter folgen möchten.

Fazit: 100 Bullets hat Potential und beginnt ansprechend interessant. Unterhaltsam und lesenswert, aber (noch) weit von einem Meisterwerk entfernt.

Rating: ★★★½☆

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2 Kommentare zu “Comic-Kritik: 100 Bullets #1 – Der erste Schuss”

  1. Tom sagt:

    Die Veröffentlichungspolitik lässt sich durch den Verlagswechsel zu Panini erklären. Auf der einen Seite wollte man natürlich die ersten Bände neu überarbeitet auf den Markt bringen, auf der anderen Seite natürlich die Serie auch gleichzeitig fortsetzen, für diejenigen Leser die die alte Ausgabe von Speed im Regal haben.

  2. phil sagt:

    Okay, das erklärt natürlich einiges. Danke für den Hinweis.

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