Comic-Kritik: 100 Bullets #2 – Die zweite Chance

Beitrag von phil 21 - Januar - 2009

100 Bullets #2 - Die zweite ChanceDen ersten Band von 100 Bullets haben wir erst vor wenigen Tagen ausführlich besprochen und haben uns flux an die Lektüre des zweiten Sammelbandes gemacht. Wahrscheinlich hätte ein Review dazu dennoch einige Tage auf sich warten lassen, aber ein aktueller Anlass nötigt uns dazu, schon jetzt etwas dazu zu schreiben: Der Panini-Verlag, der hier in Deutschland für den Vertrieb und damit für die äußerliche Qualität der Vertigo Comics verantwortlich ist, lieferte bislang immer saubere Arbeit ab. In Bezug auf 100 Bullets #2 hat er es jedoch geschafft, innerhalb weniger Minuten unseren Zorn zu erregen. Der Grund sind – so profan das auch klingen mag – lose Seiten. Nach geschätzen zwei Dritteln des Buches löste sich die Verklebung der Seiten, was dazu führte, dass diese von jetzt auf gleich reihenweise in der Gegend rumgeflogen sind. Das ist nicht nur unschön, sondern angesichts des Preises auch sehr ärgerlich. Der Versuch die Seiten wenigstens in der richtigen Reihenfolge wieder einzulegen, gestaltete sich dann aufgrund fehlender Seitenangaben und einer vertrackten Story, die zwischen mehreren Zeitebenen hin- un herspringt, als überaus mühsame Beschäftigung. Das ganze kam regelrecht einem Puzzle gleich. Wir hoffen natürlich, dass es sich hierbei um einen Einzelfall handelt. Der Ärger über ein (ohne Fremdeinwirken) so stark geschädigtes Exemplar bleibt dennoch. Soviel zu diesem Thema…

Die Geschehnisse in Die zweite Chance werden zu Beginn in der gleichen Weise fortgeführt, wie in Der erste Schuss. In episodenhafter Erzählweise erhalten zwei weitere Charaktere (Der Glücksspieler Chucky und der Eisverkäufer Cole Burns) die Möglichkeit, mit Hilfe des ominösen Aktenkoffers von Agent Graves und dessen Inhalt, in Ihrer Vergangenheit aufzuräumen. Jeder der beiden tut das auf sehr unterschiedliche Weise und mit sehr unterschiedlichen Auswirkungen und Konsequenzen. Erst im Anschluss daran erfährt der Leser mehr über Agent Graves, Mr. Shepherd und die Minuteman. Die Motive der genannten Charaktere bleiben jedoch nach wie vor im Dunkeln. Nur langsam dringen einzelne Details ans Licht.

Noch ist sowohl den Charakteren wie Dizzy (Die Latina aus 100 Bullets #1) oder Cole Burns, als auch dem Zuschauer unklar, in was für einem Gesamtszenario man sich befindet. Ist man nur Marionette oder bestimmt man noch selbst über sein Leben und handeln? Wer zieht die Strippen im Hintergrund? Darüberhinaus wird der Leser zum ersten Mal mit dem Trust konfrontiert, einer scheinbar sehr alten, sehr einflussreichen und mindestens ebenso verkommenen Vereinigung, die größtenteils weit über dem Gesetz steht und agiert. Wie bei einem alten Mosaik werden von Autor Brian Azzarello häppchenweise und bruchstückhaft neue Steine ins Spiel gebracht. Das Gesamtbild lässt sich dabei höchstens erahnen, was dazu führt, dass man nach der Lektüre im Endeffekt genauso schlau ist wie vorher. An und für sich ein schönes Konzept für eine lange Comic-Reihe. Die Frage ist, ob es der Azzarello in der Folge schafft, den Leser bei der Stange zu halten oder ob irgendwann der Akte X-Effekt eintritt und alles im Hintergrund zu einem undurchsichtigen Brei verkommt, bei dem letztlich niemand mehr durchblickt, weil es einfach auch keinen Durchblick dafür gibt.

Bisher sind wir noch längst nicht an einem solchen Punkt angekommen. Aus jetziger Sicht hat 100 Bullets nach wie vor das Potential zu einem überaus brillanten Szenario zu wachsen, sofern der Autor weiterhin alles richtig macht. Die bisherigen Geschichten und Geschehnisse können überzeugen und unterhalten den Leser gut, auch wenn noch nicht immer wirkliche Spannung aufkommen will. Man sieht 100 Bullets seine Bemühunhen in jedem Fall an, eine vielschichtige Geschichte mit zwielichtigen Charakteren vor einem komplexen Szenario zu kreieren. Qualitativ steuert man bisher in jedem Fall in die richtige Richtung. Bleibt zu hoffen, dass das auch in den kommenden Bänden der Fall sein wird, denn andernfalls kann aus einer solch großen Ambition auch ein großer Reinfall werden.

Rating: ★★★½☆

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