Filmkritik: 96 Hours

Beitrag von phil 15 - Februar - 2009

96hoursLiam Neeson ist ein Schauspieler, der – selbst unter objektiven Gesichtspunkten betrachtet – bewundernswert ist. Kaum ein anderer Mime schafft es, gleichermaßen glaubhaft zwischen so vielen verschiedenen Rollen-Typen hin- und herzuspringen. Im Gegensatz zu einem Robert De Niro, dem man ähnliches Geschick nachsagt, beherrscht Neeson allerdings mehr als nur zwei Charaktertypen, die er darzustellen in der Lage ist. Das mögen vielleicht lediglich subjektive Eindrücke sein, Fakt ist allerdings, dass Neeson’s Gestus und seine Mimik weniger thetralisch und um Aufmerksamkeit heischend sind, als das bei vielen seiner Kollegen der Fall ist. Aus diesem Grund waren wir gleichermaßen erstaunt und gespannt, wie er sich denn in seiner ersten wirklich Hauptrolle als Action-Star auf Rächertour machen wird. Die Besetzung von 96 Hours ist nämlich genreuntypisch nicht mit einem namhaften Zuschauer-Magneten, wie Tom Cruise, Matt Damon oder Daniel Craig besetzt, sondern eben mit jenem Liam Neeson, der in der Regel und bis auf wenige Ausnahmen eher auf starke Nebenrollen beschränkt wird. Die daraus resultierende Frage lautet folglich: Funktioniert Neeson auch als Zugpferd für einen Action-Thriller?

Der frühere CIA-Topagent Bryan Mills (Liam Neeson) will in Los Angeles zur Ruhe kommen. Sein Job hat ihn die Ehe mit Leonore (Famke Janssen) gekostet. Bryans einziger Sonnenschein ist seine 17-jährige Tochter Kim (Maggie Grace), für die er ab sofort ein sorgender Vater sein möchte. Doch seine Ex-Frau traut ihm diese Verantwortung nicht zu und macht ihm das Leben schwer. Aber Bryan bleibt hartnäckig. Er versucht, seine Tochter, die dank ihres reichen Stiefvaters (Xander Berkeley) in einer Welt voller Luxus lebt, zu beschützen. Als Kim mit ihrer Freundin Amanda (Katie Cassidy) eine Europareise antreten will, stimmt Bryan nur widerwillig zu. Kaum in Paris angekommen, werden die beiden Teenager von Mitgliedern eines osteuropäischen Mädchenhändlerrings gekidnappt. Sie sollen als Prostituierte abgerichtet und verkauft werden. Bryan sieht rot und düst umgehend nach Frankreich, um die Sache in Ordnung zu bringen. Dazu bleiben ihm 96 Stunden. Danach besteht erfahrungsgemäß kaum noch eine Chance, Kim lebend wiederzusehen. Auf der Suche macht er keine Gefangenen und hinterlässt eine Spur der Verwüstung…

Quelle: Filmstarts

Auch wenn die Story in der Zusammenfassung nach starkem Tobak riecht – und es objektiv betrachtet vielleicht sogar ist -, entpuppt sich 96 Hours schon gleich zu Beginn im Vergleich zu sonstigen Genrefilmen als ein wahrlich erfrischender Vertreter seiner Art. Wo andere Filme auf Hochglanzoptik und spektakuläre CGI-Effekte wert legen, konzentriert sich Regisseur Pierre Morel auf das Wesentliche und reduziert das Druherum meist auf das absolute Minimum. Dadurch wirkt 96 Hours wesentlich realistischer, roher und damit auch packender, als es ein solcher Film vielleicht vermuten lassen würde. Neeson agiert ebenso schnell und kompromislos, wie Daniel Craig in Casino Royal, mit einem ähnlichen Bodycount, allerdings mit wesentlich nachvollziehbareren Motiven. Auch der Zuschauer wird sich mit Neesons Jagd wesentlich intensiver identifizieren können, als dies bei ähnlichen Action-Thrillern der Fall ist. Allein diese Tatsache macht 96 Hours zu einem spannenden und wirklich sehenswerten Film.

Natürlich schleichen sich hier und da diverse Klischees ein, die sich bei einem solchen Film unter Umständen nur schwerlich vermeiden lassen. Auch das Motiv der Selbstjustiz mag dem einen odern anderen Zuschauer ethisch gegen Strich gehen. Wo wir auch gleich beim einzigen Schwachpunkt des Films sind, denn die Tatsache, dass der moralische Zwiespalt dieses Handelns nie ausreichend thematisiert wird, verhindert, dass 96 Hours ein noch besser Film geworden ist. Auf emotionaler Ebene bleibt Neeson’s Handeln absolut nachvollziehbar, wobei er an einigen Stellen an eine Grenze stößt und diese vielleicht sogar überschreitet. Diese moralische Bewertung bleibt jedoch jedem Zuschauer selbst überlassen. Der Film selbst bezieht hierzu leider keine Stellung.

Nichtsdestotrotz ist 96 Hours ein wirklich beachtlicher Action-Thriller geworden und Liam Neeson funktioniert, entgegen jedweder Befürchtungen, als Action-Star ausgezeichnet. Bleibt nur zu hoffen, dass das Kino-Publikum diesen Film ebenso honoriert und ihn nicht an den Kassen abstürzen lässt. Bleibt nur noch eins: Der Originaltitel des Films lautet ursprünglich Taken, was natürlich die berechtigte Frage aufwirft, warum ein für den deutschen Markt geänderter Titel wiederum durch einen lediglich anderslautenden englischen Titel ersetzt wird. Das eindeutschen von Filmtitel mag aus marketingtechnischen Gründen und aufgrund von Verständnisproblemen bei weiten Teilen der Bevölkerung durchaus legitim sein, wobei man aber in einem solchen Fall konsequent sein und englische Begriffe vermeiden sollte. Bei Body of Lies hat das schließlich auch funktioniert. Daraus wurde nämlich Der Mann, der niemals lebte.

Rating: ★★★★☆

Einem externen Dienst hinzufügen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • email
  • LinkArena
  • LinkedIn
  • Live
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Print
  • Reddit
  • Slashdot
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Tumblr
  • Wikio
  • Yigg

Schreibe einen Kommentar

Anzeigen