Als wir kürzlich den guten Abe wieder durch die Oddworld gescheucht haben, ist uns noch ein weiteres Spiel aus unserem nicht kleinen Fundus in den Sinn gekommen, das wir damals ziemlich zwiespältig fanden: Gothic 3.
Jetzt muss man zur Vorgeschichte zu Gothic 3 – also den ersten beiden vorangegangenen Titeln 1 & 2 – sagen, dass sie unbestritten Meilensteine im Rollenspielgenre waren. Warum denn das? Die Grafik, bei diesem Genre immer der erste Aufhänger, war jeweils der neueste Stand der 3D-Technik und sorgte für gewaltiges Staunen; solche real wirkenden Witterungsverhältnisse hatte man bis 2001 höchstens bei Morrowind gesehen, das ungefähr zeitgleich rauskam. Es war von der Immersion her bis dahin einmalig. Aber, was viel unterschwelliger wirkte, war die dargestellte Welt: jede Ecke wirkte wie individuell entworfen, jede rumstehende Hütte konnte betreten werden (sogar ohne Ladebildschirm, was erstaunlich viel ausmacht), und das waren zwei Dinge, die in Morrowind und später Oblivion nie der Fall waren. Und auch die Bewohner standen nicht so sinnlos rum, sonden arbeiteten an irgendwas oder warfen sich gegenseitig Smalltalk-Sätze an den Kopf, so dass es im Vorbeilaufen tatsächlich so wirkte, als führten sie echte Gespräche. Da das Spiel aus Deutschland stammte, waren die Dialoge und Formulierungen keiner Übersetzung unterworfen, und das fiel auch deutlich auf. Über einen Marktplatz zu laufen, wirkte erstaunlich echt.
Kurz gesagt steckte die Welt voller Details, denen man ansah, dass lange daran gearbeitet wurde. Man merkte, dass die an sich schon tolle Musik auch fein mit der Umgebung abgestimmt war, um die richtige Stimmung hervorzurufen. Es gab ein tolles, nicht frustierendes und transparentes Kampfsystem. Es gab bei beiden Titeln durchgehende Motive – die Wahl zwischen drei verschiedenen Lagern, es gab sogar einen subtilen Farbcode (Rot für die Paladine/Magier Innos’, Blau für die Söldner/Anhänger Beliars) und vieles mehr. Es gab den herrlich undurchsichtigen Schwarzmagier Xardas. Es gab jeweils drei separate “Karrieren” und von diesen zentralen Quests davon abgesehen eine für Rollenspiele hohe Wahlfreiheit. Auch das machte das Spielen so faszinierend.
Dann kam Gothic 3 – und fast jeder war enttäuscht. Warum? Aus drei Gründen: Bugs, schlimme Bugs und teilweise Umkrempelung des Spielkonzeptes. Das Kampfsystem wurde irgendwie schwammiger und entzog die sichere Basis beim Spielgefühl. Die Welt wurde riesig groß im Vergleich zu den Vorgängern und die Ladezeiten nach einem der häufigen Tode mit ihr – die Ladezeiten in Verbindung mit dem schwammigen Kampfsystem waren ein permanentes Ärgernis, denn der Quickload verdiente den Namen nicht. Plötzlich gab es ein Rufsystem bei den verschiedenen Fraktionen, von dem es abhing, ob man bessere Rüstungen verkauft bekam (sowieso gab es Dinge eher zu kaufen als in den Vorgängern, sodass man wirklich jeden Mist aufsammeln und zu Gold machen musste, um genug Asche zu bekommen, ein wenig wie in den ganzen D&D-Titeln). Es wurde ein expliziterer Skill-Tree eingeführt, die Statistiken im Spiel wirkten etwas offengelegter, man hatte zum ersten Mal Angst, sich ordentlich verskillen zu können wie bei Oblivion – das Spiel fühlte sich einfach nicht mehr an wie die Vorgänger, und es war beim Release eindeutig unfertig, von der Stabilität her wie auch von der Abrundung des Spielkonzepts. Das betraf allerdings weniger die Grafik, die Synchronisation und schon gar nicht die Musik. Das war nach wie vor blendend.
Wir waren damals auch verärgert – allein die Fortführung der Geschichte, das Wiedersehen alter Charaktere aus den Vorgängern und der nach wie vor typische Witz trieben uns zum Durchzocken. Der Namenlose Held, die Gespräche, die immer auf wundersame Weise vermeiden, dass er endlich seinen Namen preisgibt und seine flapsigen Sprüche waren einfach nach wie vor liebenswerte Markenzeichen. Aber insgesamt waren wir schon merklich enttäuscht und hatten die Serie für uns als beendet eingestuft. Dazu kamen auch Dinge, von denen uns im Nachhinein klar wurde, dass wir sie schon in den ersten beiden Teilen vermisst hatten, sie aber bei Teil drei immer noch nicht Einzug gehalten hatten: der Welt fehlten beispielsweise Frauen und Kinder wie beim später entstandenen ‘Witcher’, um wirklich glaubhaft zu wirken. Gothic 3 hat bestimmt grob über den Daumen gepeilt 500 Männer, 10 Frauen und 0 Kinder – warum sich groß um die Vorherrschaft der Götter in der Zukunft kümmern, wenn in 40 Jahren dann eh keine Anhänger mehr da sind
?
Das war vor zweieinhalb Jahren. Da das Spiel nicht so erfolgreich war wie die Vorgänger und die Verärgerung der Fans groß, wurde es vom Verleger Jowood ziemlich schnell ad acta gelegt. Allerdings hatte sich (und hat sich bis heute) eine große Fangemeinde um Gothic gebildet, die parallel zu den Entwicklern von Piranha Bytes Community Patches rausbrachte, um das Spiel im Nachhinein zu stabilisieren. Den neuesten davon haben wir uns gezogen und das Spiel nochmal begonnen. Und es ist toll.
Warum das? Weil wir und ehrlich gesagt nicht mehr an die alten Bugs erinnern und der Patch sie behoben hat. Weil der Abstand zu den Vorgängern größer ist als damals und wir das Spiel jetzt für sich alleine bewerten können und es keine Erwartungen hinsichtlich Vorgänger-Traditionen mehr erfüllen muss. Wir finden es zwar nicht so gut wie Teil 2, zugegeben, aber es ist trotzdem wunderschön. Und um ehrlich zu sein: wir wussten auch noch, dass man unbedingt die ersten 50 Erfahrungspunkte in die Steigerung der Lebensenergie stecken muss, damit man nicht von jedem dahergelaufenen Goblin mit einem Stock niedergeknüppelt wird
Ja, das war schon ärgerlich damals, als der Held – Orkbezwinger, Drachentöter – vom Schiff marschiert kam und ihn die erstberste Wildschweinrotte zertrampelte.
Unser Fazit: Gothic 3 ist heutzutage wirklich spielenswert, weil wir im Nachhinein mit den Experimenten der Entwickler hinsichtlich Veränderungen im Spielkonzept einverstanden sind und sich neben ihnen auch die Community dafür ins Zeug gelegt hat, das zuerst skandalös verbuggte Spiel ins Reine zu bringen. So, und nach diesem ganzen Gelaber hier noch ein Video, wie man per Flugcheat die Wüste Varant mal von oben bestaunen kann.
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