The Book of Unwritten Tales

Beitrag von chrisch 24 - Juli - 2009

Hallo allerseits, das heutige siebte Spiele-Review gilt mal zur Abwechslung keinem 10€-Experiment, sondern einem Titel aus der Vollpreissparte. Und um noch mehr Abwechslung reinzubringen: es ist ein original deutschsprachiges und groß angekündigtes Adventure. Das war für uns ungewöhnlich, weil die Genre-Größen meist im Ausland produziert werden, unser Interesse war geweckt.

Die Elfe Ivo vor der Titelbildhütte

Worum geht’s? Im Kern um eine liebevoll gemachte Persiflage aufs allzu bekannte Fantasy-Genre. Seit Jahren tobt der Krieg zwischen Gut und Böse, ein altes Artefakt taucht auf, und es droht natürlich den Schurken in die Hände zu fallen. Die sind natürlich bestens organisiert, aber zum Glück unterinformiert, und der Heldenseite geht’s genau andersrum. So ein wenig wie im Herr-Der-Ringe-Kanon. Nach und nach würfelt sich also die Truppe um den Gnom Wilbur, die Elfe Ivo, den Maulhelden Nate und das krümelmonster-artige “Vieh” zusammen und versucht, dieses ominöse Artefakt-Buch zu finden, das auch Namensgeber des Spiels ist.

Wilbur wartet auf die Ablösung durch Guybrush

Das überaus Schöne an diesem Spiel ist, dass es so vieles richtig macht, technisch wie erzählerisch. Die einzelnen Abschnitte konzentrieren sich mal auf einen Protagonisten, mal auf mehrere oder sogar alle, um verschiedene Rätsel zu lösen. Und die Entwickler haben erfolgreich alle nervtötenden Dinge entfernt, die Adventures für gewöhnlich anhaften: es gibt eine HotSpot-Taste, unwichtige Gegenstände verlieren ihren HotSpot nach ein- oder zweifacher Betrachtung und halten dadurch nicht mehr ewig auf, kombinierbare Gegenstände sind sofort erkennbar, und die Akteure geben bei falschen Versuchen hilfreiche Bemerkungen von sich (statt nichtssagenden Derivaten von “Das klappt so nicht”). Das alles zusammen erleichtert die Lösungsfindung ungemein, und manch einer mag das vielleicht als unangemessen einfach empfinden, aber es traf genau unseren Geschmack. Letztendlich bietet das Spiel mit seinen logischen Rätseln eine hübsche Geschichte, die einen nicht ewig an schwierigen Stellen festnagelt.

Nate bestaunt den Arnold-Schwarzenegger-Synchronsprecher-Ork

Der Humor ist gleichfalls angenehm dezent und bedient sich vieler Vorlagen aus der üblichen Literatur und den bekannten anderen Größen der Adventure-Geschichte. Es wirkt ein wenig wie die alten Simon-Titel auf uns, die immer wieder Einsprengel der modernen Welt mit alten Märchen gemischt hatten, nur ohne so einen fiesen Hauptcharakter :) . Dabei fiel uns auf, wie sehr WoW mittlerweile mit all seinen Begrifflichkeiten und Konzepten im allgemeinen Fantasy-Fundus angekommen ist – denn auch aus dieser Welt wird massiv zitiert; unter anderem sind ein bekiffter Tauren-Schamane und ein tuntiger Paladin mit von der Partie, der mit übermächtigen Buffs um sich wirft (verpasst auch dem Spieler mal welche aus Dankbarkeit, nützt nur nichts in einem Adventure…), sich aber nicht traut, einem dürren Zombie gegenüberzutreten.

Allein zwei Wermutstropfen gibt’s dann doch noch: das Spiel wirkt so, als sei es überhastet beendet und auf den Markt geworfen worden, denn das Ende wirkt übereilt, wird nur indirekt von Ivo erzählt und folgt dadurch überhaupt nicht dem übrigen Erzählfluss. Ein wenig schade das, aber immerhin ist das Spiel bis dahin qualitativ top. Und Kritikpunkt zwei trifft die Hardware-Anforderung: dadurch, dass das Spiel komplett 3D-gerendert ist, hat es irrsinnige Anforderungen. Jedenfalls sehen wir das so, da wir schon bei den 5,6 GB Speicherplatz misstrauisch geäugt haben, und da manche Szenen auf demselben Rechner geruckt haben, der Half Life 2 ohne Probleme verkraftet. Naja.

Fazit: Ein rundum zu empfehlendes Adventure mit schöner Geschichte, überaus hüschen Szenerien, erstklassiger Vertonung und dem richtigen Händchen dafür, den Spieler auf das nächste Kapitel neugierig zu machen. Wir wollen gerne noch viel mehr solche Titel sehen.

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