Wir schreiben das Jahr 1953. Alfred Hitchcock ist in der Öffentlichkeit noch lange nicht der Ausnahmeregisseur, zu dem er Jahrzehnte später gemacht werden wird. Seine großen Werke Vertigo, Das Fenster zum Hof, Die Vögel, Psycho oder auch Der unsichtbare Dritte sollen erst kurz darauf oder Jahre später folgen. Nachdem die ersten Drehbuchversuche zu einem Projekt mit dem Namen Bramble Bush für Hitchcock alles andere als zufriedenstellen verlaufen, nimmt er aus reinem Opportunismus eine Auftragsarbeit entgegen, um – laut eigener Aussage – “auf Nummer sicher zu gehen”. Das Stück nannte sich Dial M For Murder und war zum damaligen Zeitpunkt ein sehr erfolgreiches Stück am berühmten Broadway.
Ein semi-erfolgreicher Tennisspieler ohne große Zukunftsperspektiven hat im Laufe der Jahre eine vermögende Frau geheiratet und so seine Schäfchen vermeintlich ins Trockene gebracht. Durch Zufall und eine gehörige Portion Misstrauen erfährt er jedoch von einer Romanze zwischen seiner Frau und einem erfolgreichen Krimi-Autor. Damit beginnt ein perfider Plan: Er beschließt seine Frau umzubringen bzw. umbringen zu lassen. Ein ehemaliger Schulkamerad mit zwielichtigem Hintergrund wird erpresst und dazu gezwungen die Tat für ihn auszuführen. Minutiös wird der Mord geplant. Doch es kommt wie es kommen muss. Der ausgeklügelte Plan misslingt und die junge Frau tötet im Eifer des Gefechts den Eindringling. Der Ehemann antizipiert voller Enttäuschung die neue Situation und versucht, die Tötung aus Notwehr seiner Frau geschickt als kaltblütigen Mord anzuhängen…
Ein wirklich interessanter Aspekt des Films, der mittlerweile fast schon in Vergessenheit geraten ist, ist die Tatsache, dass er bereits zur damaligen Zeit in 3D (!!!) gedreht wurde. Die plastischen Effekte hielten sich zur damaligen Zeit natürlich noch sehr in Grenzen und so gab es Bei Anruf Mord nur in wenigen Kinos mit der entsprechenden 3D-Brille zu sehen. Der Film entpuppt sich schon nach kurzer Zeit als reiner Dialogfilm, der durchaus auch als cineastisches Kammerspiel bezeichnet werden kann. Denn bis auf einige sehr wenige Ausnahmen spielt Bei Anruf Mord einzig und allein in einem Raum. Hitchcock inszeniert den Film als nahezu 1:1 Umsetzung der Broadway-Vorlage und handelt damit genau richtig. In einem späteren Interview-Marathon mit dem französischen Regisseur François Truffaut erläuterte Hitchcock, dass der Fehler vieler Filmregisseure darin bestehe, funktionierende Vorlagen bei der Adaption für die Kinoleinwand künstlich erweitern und aufbauschen zu wollen, wodurch die ursprüngliche Struktur der Handlung zerstört werde. Zu dieser Haltung mag man geteilter Meinung sein und die Filmgeschichte hat ebenfalls bewiesen, dass eine freiere Interpretation einer erfolgreichen Vorlage durchaus Erfolg haben kann und dabei weiterhin auf künstlerischer Ebene funktioniert.
Vielleicht ist es die nahezu identische Umsetzung des Ausgangsstoffes, die Alfred Hitchcock dazu veranlasst, die Bedeutung dieses Werkes im nachhinein herunter zu spielen. Vielleicht sah er sich in diesem Fall auch mehr als Handwerker, denn als Künstler. Fakt ist jedoch, dass Hitchcock hier handwerklich nahezu perfekt zu Werke geht und das Stück gerade dadurch – und trotz seiner immensen Dialoglastigkeit – eine unglaubliche Sogkraft entwickelt, die auch heutzutage selten wieder erreicht wurde. Maßgeblichen Anteil am Erfolg von Bei Anruf Mord hat Hauptdarsteller Ray Milland, der den ehemaligen Tennisspieler Tony Wendice verkörpert und der mit seinem perfiden Charme immer wieder die Sympathien der Zuschauer gewinnen kann. Die dadurch entstehende Ambivalenz können Hitchock und Milland über die gesamte Dauer des Films aufrecht erhalten und schaffen damit eine äußerst gelungene Geschichte mit hoher atmosphärischer Dichte. Der Bösewicht erhält dadurch eine völlig neue Dimension an Vielschichtigkeit und steht damit im krassen Gegensatz zur üblichen schwarz-weißen Charakterzeichnung, wie sie aus sonstigen (Hollywood-)Filmen bekannt und gewohnt ist.
Bei Anruf Mord ist ein Film ohne (!) Schwächen, der selbst über ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen noch genauso funktioniert wie am ersten Tag. Allein diese Tatsache zollt höchsten Respekt und ist ein Zeichen für die hohe handwerkliche Kunst Hitchcocks, der bei diesem Film vielleicht wirklich nicht so sehr als Künstler in Erscheinung treten konnte und im Endeffekt “nur” einen bereits funktionierenden Stoff umgesetzt hat. Das soll jedoch der einzige wirklich nennenswerte Kritikpunkt sein.
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