Das Kabinett des Dr. Parnassus bietet allein schon durch seine äußeren Begebenheiten genügend Gesprächsstoff. Es ist nicht nur Heath Ledgers letzter Film vor seinem Ableben, sondern auch gleichzeitig Terry Gilliams erste nennenswerte Regiearbeit seit 2005. Brother’s Grimm – ebenfalls mit Heath Ledger an der Seite von Matt Damon – war jedoch auch aufgrund der künstlerischen Intervention von Seiten des Filmstudios ein mittelschwerer Reinfall. Gilliams Nachfolge-Werk Tideland erschien hierzulande gar nicht erst in den Kinos und wurde direkt auf DVD Veröffentlicht. Und auch die Veröffentlichung von Das Kabinett des Dr. Parnassus stand unter keinem guten Stern: Durch den vorzeitigen Tod Ledgers konnte der Film nicht wie geplant vollendet werden. Gilliam änderte in der Not das Drehbuch, engagierte nahmhafte Schauspieler (Johnny Depp, Jude Law und Collin Farrell) und vollendete den Film auch Dank deren Unterstützung.
Dr. Parnassus (Christopher Plummer) ist viele Jahrhunderte alt und ein Spieler. Regelmäßig liefert er sich mit dem Teufel a.k.a. Mr. Nick (Tom Waits) kuriose Wetten um menschliche Seelen und erlangte auf diese Art und Weise zwischenzeitlich sogar die Unsterblichkeit. Im London der Gegenwart angekommen muss er sich erneut auf ein Spiel mit dem Teufel einlassen, um die Seele seiner Tochter zu retten. Diese sollte – so der Pakt – mit der Vollendung ihres 16. Lebensjahres in Mr. Nicks Besitz übergehen. Doch der Teufel hat mittlerweile gefallen an den ewigen Duellen mit Dr. Parnassus gefunden und lässt sich auf eine allerletzte Wette ein. Gewonnen hat derjenige, welcher zuerst fünf Seelen für sich gewinnen kann. Parnassus bedient sich hierfür eines magischen Kabinetts mit dessen Hilfe er die Menschen in eine Art Traumwelt hinüberführen kann, in der sich die Gedanken, Träume und Begierden der Menschen manifestieren. Doch jeder Mensch, der in das Kabinett hineingeht muss sich einer Prüfung unterziehen, deren Ausgang über das Wohl und Wehe seiner Seele entscheidet. Eines Tages taucht jedoch der geheimnisvolle Tony (Heath Ledger) auf, der nur knapp dem Tod durch den Strang entkommen konnte und seitdem an totaler Amnesie leidet. Aus Dankbarkeit bietet Tony Dr. Parnassus seine Hilfe an und hat mit seinem Charme auch schnell die ersten Erfolge beim Seelenfang…
Es ist mühselig zu spekulieren, welches Ergebnis dem Drehbuch hätte entspringen können, hätte Ledgers Tod den künstlerischen Ambitionen Gilliams nicht von vorneherein einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die offensichtlichen Drehbuchänderungen sind jedoch relativ geschickt eingefädelt und lassen sich im Rahmen des Fantasy-Szenarios plausibel erklären. Dennoch wirkt der Film an vielen Stellen fragmentarisch und unvollendet. Gilliams Versuch dem Zuschauer nicht alles mehrfach vorgekaut zu servieren ist Anfangs noch erfrischend und hebt den Film von der breiten Masse vieler Hollywood Verfilmungen positiv hervor. Mit zunehmender Dauer bleiben allerdings viele Fragen unbeantwortet, Vorwürfe offen im Raum stehen und bei genauerer Betrachtung hat die Geschichte keinen inhaltlich konsistenten Rahmen. Da stellt sich beispielsweise die Frage worin denn genau die Prüfung bestehen soll, der ein Mensch im Kabinett ausgesetzt wird. Eine übergeordnete Metastruktur, eine Art seelische Inspektionsroutine gibt es nicht oder ist zumindest nicht klar zu erkennen. Während auf der einen Seite moralische Entscheidungen getroffen werden, stehen in einem anderen Fall lediglich verschiedene Versuchungen gegenüber. So chaotisch wie die faszinierenden Welten innerhalb des Imaginariums gestaltet sich allerdings der gesamte Film: Was im ersten Moment kurzweilig und unterhaltsam anmutet, entpuppt sich beim zweiten Blick als Fass ohne Boden. War die Herrschaft des Chaos in allen Teilen des Films Gilliams Absicht oder sind die strukturellen und inhaltlichen Schwächen den notwendigen Drehbuch Änderungen geschuldet?
Nichtsdestotrotz hat Das Kabinett des Dr. Parnassus auch seine Stärken und die sind in erster Linie optischer bzw. ästhetischer Natur. Bereits seit den Anfängen der Monty-Python-Ära versteht es Terry Gilliam wie kein Anderer, magische Bilderwelten zu konstruieren und befruchtet damit die Fantasie des Zuschauers jedesmal aufs neue. In der Hinsicht wirkt der Film wie ein visuelles Konglomerat seines bisherigen Schaffens und beinhaltet sowohl Elemente aus Gilliams letzten Filme, wie beispielsweise Brothers Grimm, als auch typische Schemata seiner früheren Werken á la Brazil und den diversen Monty Python Zeichentrick Artworks. Das Kabinett des Dr. Parnassus ist in jedem Fall ein optischer Leckerbissen für Fans verquerer Fantasy und darüber hinaus überaus kurzweilig. Wer jedoch dem Zuschauer soviel Geisteskraft zutraut, nicht jedes Detail der Geschichte zigfach erklären zu müssen, sollte sich allerdings nicht wundern, dass dieser anschließend enttäuscht ist, wenn er herausfindet, dass hinter vielen offenen Fragen keine hinreichende Erklärung wartet. Über das konservative und snobistisch anmutende Ende des Films wollen wir gar nicht erst reden…
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