In einer nicht all zu fernen Zukunft hat sich eine neue Form von Rollenspiel etabliert. In den Spielwelten Society und Slayer haben Menschen, so genannte Gamer mittels modernster Technik die Möglichkeit, die Kontrolle über andere Individuen zu übernehmen und diese zu steuern. Während es in Society durchaus ethisch grenzwertig, aber nicht offenkundig gewalttätig zugeht und diese Form des Rollenspiels ohne ein universelles Spielziel stetig fortlaufend gespielt werden kann, kämpfen in Slayer zum Tode verurteilte Häftlinge in einer Art Real gewordenen Videospieladaption gegeneinander. Der Avatar, der als erster 30 Spielrunden in Slayer überlebt, erlangt seine Freiheit wieder. Kable (Gerard Butler) ist einer dieser Häftlinge, der bislang mit Hilfe seines Gamers 27 Runden bereits gewinnen konnte. Der Erfinder des Spiels Ken Castle (Michael C. Hall), hat jedoch keinerlei Interesse daran, Kable auch die verbleibenden 3 Spielrunden überleben zu lassen. Und dann ist da auch noch die Untergrund-Gruppe Humanz, die sich Guerilla- und Hacker-Taktiken bedienend immer wieder in die Geschehnisse in und um Slayer und Society einmischt…
Gamer entpuppt sich bereits nach wenigen Minuten als eine geschickt inszenierter Action-Film mit dystopischem Hintergrund. Die Regisseure Mark Neveldine und Brian Taylor, die bereits mit dem Adrenalin geladenen und völlig überdrehten Crank im wahrsten Sinne des Wortes für Furore sorgen konnte, greifen für ihren neuesten Film aktuelle technologische und gesellschaftliche Entwicklungen auf und deklinieren deren Folgen bis hin zu ihrem überspitzten und pervertierten Höhepunkt vollends durch. Natürlich sind die Spielfiguren in Society hauptsächlich gescheiterte Existenzen bzw. entstammen sozial und wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerungsteilen, die durch diese Form der Prostitution und der dadurch entstehenden Erniedrigungen versuchen, über die Runden zu kommen. Die Gamer in Society kennen keine Grenzen und kein Erbarmen und nicht selten verbirgt sich hinter einer attraktiven Frau in knappen Klamotten ein völlig enthemmtes, übergewichtiges und perverses Arschloch. Mit Hilfe der Spielfiguren kompensieren diese ihre optischen sowie sozialen Unzulänglichkeiten und lassen ihren sexuellen Begierden, ihrem Spieltrieb und zum Teil auch ihrem anarchischen Zerstörungstrieb freien Lauf. Der Film versucht sich auf dieser Ebene als eine Art Gesellschaftskritik zu verkaufen, wobei die Form der Darstellung alles andere als subtil ist, wodurch der eigentlich dystopische und kritische Ansatz letztlich konterkariert wird. Eine ernsthafte Herangehensweise an die begonnen Thematik würde allerdings dem Genre des Films nur bedingt gerecht werden. In der dystopischen Zukunftsvision von Neveldine und Taylor ist Society sozusagen das moderne Social Network, welches wiederum aus der virtuellen Welt in die Realität zurückgeführt wurde, wobei die eigentlichen Ingredienzien von virtuellen Rollenspielen und Netzwerken – der Spieler und der Avatar – beibehalten wurden. Slayer wiederum ist das Wirklichkeit gewordene World of Warcraft, Call of Duty oder Gears of War. Die gleichen Zutaten nur eben ein anderes Genre bzw. Spielziel.
Inszenatorisch und hinsichtlich der Ideen drehen Neveldine und Taylor am ganz großen Rad. Es gibt beispielsweise sich abgehackt bewegende NPC (Non Player Characters), die wie in alten Ego-Shootern Marionetten gleich durch die Spielwelt geführt werden und den obligatorischen, menschlichen Kollateralschaden spielen müssen. Doch nicht nur die Ideen überzeugen, auch die visuelle Umsetzung sucht in dieser Form seinesgleichen: So fängt der Kameramann in einer Szene das Geschehen auf Rollerblades und mit Hilfe einer Steady-Cam bewaffnet ein und erzeugt so die bislang glaubwürdigste, cineastische Simulation der Third-Person-Perspektive, wie sie bereits aus unzähligen Action-Spielen bekannt ist.
Das Drehbuch kann allerdings nicht ganz das halten, was die stellenweise grandiose Inszenierung und das gelungen Setting hergibt. Die Geschichte ist mit riesengroßen Logik-Löchern versehen und dabei überaus vorhersehbar. Gerard Butler zeigt sich solide, hat jedoch keine Möglichkeit, etwas von seinem schauspielerischen Potential abzurufen. Das Drehbuch gibt an dieser Stelle einfach nicht mehr her, soviel sei zu seiner Entschuldigung gesagt. Michael C. Hall spielt am Rande einer Karikatur, aber meistert seinen Part wider Erwarten mit einem erstaunlichen Charme und sehr viel Chuzpe. Der Rest der Darsteller-Riege ist wirklich nicht der Rede wert. Gamer ist mit Sicherheit kein geistiger Überflieger, aber wer sich für das Szenario und den visuellen Overkill von Mark Neveldine und Taylor begeistern kann, der bekommt mit Gamer einen wirklich sehenswerten Film serviert.
Rating: 




Verblüffend. Ich habe gestern “Surrogates” gesehen, und der Film beleuchtet denselben Aspekt der digitalen Schein-Gesellschaft, nämlich die Social Networks, aber mit einem anderen Genre-Ansatz und anderem Fokus. Muss mal in den nächsten Tagen was dazu schreiben.
[...] teilen, sie aber auf zwei völlig unterschiedliche Weise angehen. Der erste gezeigte Film war Gamer, der zweite Surrogates. Auf Surrogates hatten wir zugegeben schon ein wenig gelauert, seit wir [...]