Filmtechnisch ist im Januar hierzulande etwas Außergewöhnliches passiert: es kamen zwei Filme ziemlich zeitgleich ins Kino, welche sich dieselbe Grund-Thematik teilen, sie aber auf zwei völlig unterschiedliche Weise angehen. Der erste gezeigte Film war Gamer, der zweite Surrogates. Auf Surrogates hatten wir zugegeben schon ein wenig gelauert, seit wir letzten Sommer im Kino die Vorschau gesehen hatten, aber da es kein großer Blockbuster war, kam die traditionelle Filmstartverschiebung von drei oder mehr Monaten dazwischen.
Nun hatten wir wegen eben dieses damaligen lautstarken Trailers befürchtet, dass Surrogates ein arges Action-Spektakel und damit recht überflüssig sein würde, denn wer bräuchte ehrlicherweise diesen Film noch, wenn bereits Gamer läuft? Erfreulicherweise ist er das ganz und gar nicht und schlägt einen deutlich andere Richtung ein.
Worum geht’s? Auch hier wird eine nicht allzuferne Zukunft beschrieben, in der die Menschheit eine künstliche Parallelwelt in völlig neuem Ausmaß erschaffen hat. Allerdings sind die Avatare – als die titelgebenden Surrogates bezeichnet – clever konstruierte Roboter, die von ihrem Benutzer bequem vom sicher abgeschotteten Stem Chair aus gesteuert werden können. Ursprünglich als hehre Protesen und Hilfskonstrukte für Behinderte gedacht, sind diese Surrogates inzwischen dank extensiver Vermarktung quasi alles, vom Spielzeug über Statussymbol bis hin zur Kampfmaschine für heikle Militärmissionen, sie sind das soziale Herzstück des öffentlichen Lebens. Die Gesellschaft ist keine Dystopie, das Leben in ihr findet ebenso gewaltfrei wie künstlich statt; sie scheint sich an der Grenze zur Dekadenz zu bewegen, ohne sie jedoch zu überschreiten – noch.
Der Über-Zivilisationsgesellschaft stehen Enklaven von Aussteigern gegenüber, die den Surrogates und allen damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Entwicklungen protestierend gegenüber stehen. Sie werden von der Regierung zwar als Minderheit respektiert, sind allerdings auch, gewollt oder ungewollt, in ihren Reservaten vom Wohlstand der Industriegesellschaft weitgehend ausgeschlossen. Diese angespannte Balance kippt, als ein radikales Mitglied des Widerstands mit einer unbekannten Waffe einen Doppelmord begeht, der die Grundfesten der Surrogate-Gesellschaft erschüttert: er tötet durch eine Rückkopplung die Benutzer. Das FBI setzt unverzüglich seinen Ermittler Tom Greer (den guten alten Bruce) auf den Fall an, um den Kollaps des Systems abzuwenden, und das Publikum schaut ihm fortan dabei über die Schulter.
Und das auf recht angenehme Weise, denn Surrogates verzichtet auf furiose übertriebene Actionsequenzen, sondern setzt überwiegend auf ruhigere und verdichtete Bilder, ohne jedoch den Zuschauer direkt mit der Nase auf die Aussage zu stoßen. Wenn Greer beispielsweise im Hauptquartier des Surrogate-Konzerns VSI auf deren windige Marketingverantwortlichen trifft und das Foyer wie ein App(le)-Store aussieht, oder wenn er zusammen mit seiner Partnerin entdeckt, wie sehr sich die Benutzer der Surrogates von ihrem Wunsch-Scheinbild unterscheiden und das an gefälschte Facebook-Profile erinnert, dann offenbart der Film seine eigentliche Stärke.
Was an der größtenteils nicht allzu überraschenden, aber schön erzählten Geschichte fasziniert, ist die Widerspiegelung der heutigen digitalen Gesellschaft der Social-Networks in vielen kleinen szenischen Facetten. Aber auch andere Elemente werden dezent mit eingeflochten, beispielweise die abstrahierte Kriegsführung des Militärs, die nur noch ihre Surrogates auf “Friedensmissionen” schicken und deren Einsatzzentrale mit ihren hunderten Stem-Chairs wie eine Call of Duty-LAN aussieht (Zitat eines Soldaten: “Verdammt, ich bin tot!”). Oder auch die Verfolgung zwischen dem Mörder und Greer’s Surrogate, die die ganze Macht der Maschine demonstriert, die mit Leichtigkeit zum Terminator werden könnte. Oder der undurchsichtige Prophet, der als Erlösergestalt des Widerstands auftritt, aber von einer unbarmherzigen Garde beschützt wird, die ihre Macht voll und gerne brutal auskostet. Einziger Wermutstropfen im Plot: die doch arg draufgesetzt wirkende persönliche Tragödie Greer’s und seiner Frau, die als als ursprüngliche Flucht der beiden in die künstliche Roboter-Welt dient, denn im Vergleich zum Rest wirkt sie erstaunlich ungeschickt erzählt – und auch musikalisch aufdringlich in ihrer Kitschigkeit.
Fazit: Surrogates ist kein großer Wurf, aber eine nette Überraschung, die solide besetzt ist und unserer Ansicht nach ein bisschen bessere Kritiken verdient hat als die, welche ihr im weiten Netz so zuteil werden. Gerade die Rückführung des SciFi-Thriller zu mehr Geschichte und weniger CGI-Gerappels ist eine angenehme Abwechslung und entließ uns auch diskussionsfreudig und nicht plattgeschlagen aus dem Kino.
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