Vinyan, so nennt man die Seele eines Menschen, der eines grausamen Todes gestorben ist. Die Seele findet keine Ruhe und – so ist es allgemeiner Volksglaube in Thailand – verkehrt zum Bösen. Ein französisches Ehepaar hat ihren Sohn in den Flutwellen des Tsunamis verloren. Während sich der Vater und Ehemann (Rufus Sewell) mit dem Tod des Jungen bereits abgefunden zu haben scheint, konnte seine Frau Jeanne (Emmanuelle Béart) das schreckliche Ereignis noch nicht verarbeiten und klammert sich weiter an die Hoffnung an ein mögliches Überleben ihres einzigen Kindes. Der Glaube daran wird durch ein Video über obdachlose Kinder in Burma verstärkt, in dem sie ihren Sohn wieder zu erkennen glaubt. Jeanne überredet ihren Mann Paul zu einer kostspieligen Expedition nach Burma und zu einer Suche ins Herz des Dschungels jenseits jeglicher Zivilisation…
Der belgische Regisseurs Fabrice de Welz verarbeitet in Vinyan mehrere Motive und Handlungsebenen. Der Tod im Allgemeinen und der Verlust eines geliebten Menschen im Speziellen führen mehrere Stufen der Trauer nach sich. Durch die Reise in die “grüne Hölle” und die Abkehr von der Zivilisation, der zunehmenden Entfremdung, Desorientierung und immer stärker aufkommenden Beklemmung, erschafft de Welz eine allegorische Ebene auf der er seine Figuren neben dem emotionalen Aspekt auch die verschiedenen Verhaltensaspekt der Trauer durchleben und erleiden lässt. Doch während es in der Realität meist einen Ausweg aus bzw. eine Überwältigung oder Verarbeitung der Trauer gibt, verlieren sich Jeanne und Paul immer tiefer in diesem Sog aus negativen Gefühlen und finden keinen Ausweg. Die Reise in den burmesischen Dschungel steht dabei sinnbildlich für die Reise in das Herz das Finsternis.
Eine weitere Ebene des Films, die eng mit dem Aspekt der Trauer verbunden zu sein scheint, ist der bereits ewig währende Konflikt zwischen Mann und Frau. Diesem ur-menschlichen Konflikt-Aspekt wird das Verhältnis zwischen Mutter und Kind entgegen gesetzt, was letztlich in der totalen Eskalation kulminiert. De Welz schlägt hier sowohl stilistisch als auch inhaltlich einen ähnlichen Weg ein, wie bereits Lars von Trier in Antichrist. Doch während in Antichrist – vereinfacht ausgedrückt – der Mann die Ursache bzw. der Auslöser des Bösen darstellt, ist es in Vinyan die Frau, die sich von der Welt und ihrem Mann ab- und dem Bösen zuwendet.
Vinyan beginnt mit einer sehr abstrakten und artifiziellen, aber dafür umso beeindruckenderen Darstellung der Tsunami-Katastrophe. Nur um im Anschluss daran stilistisch sehr stark zurückzufahren. Reduktion ist das Konzept der ersten Hälfte des Films. Grobkörnige Bilder, verblasste Farben, eine wackelige Handkamera, nahezu versteinerte Mimik der Schauspieler. Nur wenig, wie beispielsweise die von Beginn an sehr beklemmende Atmosphäre, lässt auf eine später Kulmination der Emotionen und Ereignisse schließen. Hier präsentiert uns de Welz seinen Film als ungewöhnliches aber in seinem strukturellen Aufbau recht einfaches (Familien-)Drama.
In der zweiten Hälfte des Films überschlagen sich die Ereignisse. Die düstere Atmosphäre, das befremdliche Verhalten der Protagonisten und das allgemeine Gefühl der Beklemmung bleiben erhalten – werden sogar gesteigert -, doch die Bildsprache und -Komposition legt ihren Mantel der Zurückhaltung ab und enthüllen die schreckliche Schönheit der Finsternis. Dennoch ist Vinyan immer noch sehr weit von einem klassischen Horrorfilm entfernt, obgleich auch hier mit der Thematisierung von Urängsten und -Gefühlen gespielt wird. Der Vergleich mit Antichrist liegt damit nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch nahe. Fabrice de Welz inszeniert seinen Film als tiefgreifende und aufwühlende, durchaus auch anstrengende Erfahrung und setzt damit Maßstäbe.
Rating: 




Also ich war von dem Film auch positiv Überrascht.