Es war einmal in Aventurien…

Beitrag von chrisch 16 - März - 2010

Zeit für ein weiteres 10€-Experiment. Aus der Software-Pyramide lachte uns ein Stück Nostalgie aus der Pen&Paper-Rollenspielzeit an: der Titel Drakensang des Jahres 2008. Das war es uns dann mal wert, obwohl wir im Vorfeld auch schon einiges minder Begeistertes drüber gehört hatten. Aber hey, Kulturgut DSA für den Preis? Und immerhin ist da noch die Nordland-Trilogie im Hinterkopf…

Worum geht’s? Na darum, eine Heldengruppe in bester Tradition mit einem höchst wichtigen, den Weltuntergang verhindernden Auftrag rumzuscheuchen.  Und das, muss man einfach mal so sagen, in optisch und akustisch sehr gefälliger Weise, insbesondere der Soundtrack ist unserer Meinung nach sehr gut gelungen. Der Einfachheit halber verzichtet das Spiel auf verschiedene Tageszeiten, im Gegenzug sind die Szenerien teilweise echt beeindruckend. Von den Szenerien kriegt man übrigens auch viel zu sehen, denn der besagten Einfachheit ist auch jedes Reisekomfort-Feature zum Opfer gefallen.

In dieser Beziehung ist der DSA-Titel das genaue Gegenteil von Freilaufwelten wie Oblivion, denn neben der zentralen Stadt Ferdok gibt es nur klar abgegrenzte Schauplätze in näherer Umgebung, zu denen man nach dem Abgrasen aller dortigen Quests nicht mehr zurückkehren kann. Dafür ist uns auch nur mildes Level-Copy&Paste aufgefallen, jedenfalls verglichen mit Oblivion, wo es einen anödete, immer wieder dieselben Dungeons zu durchstreifen. Die größere Liebe zum Detail geht bei Drakensang direkt mit einer strikten Linearität der Schauplätze und Handlung einher.

Wenn einem bei Drakensang etwas auffällt, dann ist es eine konsequente Simplifizierung in allen Bereichen: im Gegensatz zu Titeln wie Oblivion, Mass Effect und Dragon Age gibt es keine Charaktererstellung, sondern Charakterwahl – also keine detaillierte Ausarbeitung des Alter Egos hinsichtlich Gesicht und Charaktereigenschaften, wie sie bei größeren Titeln fast schon Standard geworden ist. Die Anzahl der Talente wurde gegenüber der Pen&Paper-Vorlage merklich eingeschränkt, auch die kampftaktischen Optionen sind übersichtlich.

Die klarste Simplifizierung jedoch ist der Rollenspielfaktor selbst, der sich gegen die gegenwärtige Tendenz stellt: statt des verhärmten hadernden Action-Hexers Geralt oder des Kopfes einer politischen Eingreiftruppe wie Captain Shepard spielt man hier den klassischen rechtschaffenen Recken, der höchstens zu mildem Egoismus fähig ist – es gibt keine andere Möglichkeit in Drakensang. Genausowenig wird der Spieler in ein moralisches Dilemma geraten: entweder er nimmt den Auftrag an und tut damit ausschließlich Gutes, oder er kann höflich ablehnen.

Ebenso wenig wie es auch nur einen Tropfen Blut gibt während der Kämpfe. Das Aventurien Drakensangs ist – für ein Rollenspiel, in dem man eben Schurken und Monster erschlägt – äußerst harmonisch, denn Dreck und Elend sind selbst dem anrüchigen Fuhrmannsviertel in Ferdok fremd; kein Vergleich zu Wyzima! Die durchaus sympathischen Dialoge, denen man auch anmerkt, dass sie keine Übersetzung sind, spielen lieber mit “Praios zum Gruße, Wandersmann”-Klischees als mit Zoten. Schade, dass sie nur teilvertont sind.

Fazit: Drakensang ist ein Titel, der sich in seiner Gewaltfreiheit und Bedienbarkeit an jüngeres Publikum wendet und in seiner sonnengefluteten Nostalgie an die alten Fans der Welt Aventuriens, die lieber wieder den Kosch besuchen und sich über die fanatischen Praioten ärgern wollen als das komplette Regelwerk umgesetzt zu finden. Wir gehören eindeutig zu den Letzteren, denn bei aller Einfachheit ist Drakensang schlicht sympathisch und auch entspannend. Es eignet sich ausgezeichnet, um zwei, drei angenehme Stunden am Abend damit zu verbringen (wenn auch etwas weniger Lauferei dabei sein dürfte :) ). Für hochtaktische Schlachten und moralische Abwägungen gibt es ganz einfach andere Titel auf dem Markt, von denen sich Drakensang wohl bewußt abgrenzt. Das aber, was Drakensang darstellen will, tut es sehr gut. Und so ist auch unsere Wertung zu verstehen.
Rating: ★★★★☆

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