Mass Effect 2 – Cerberus Edition

Beitrag von chrisch 26 - Juni - 2010

Vor ziemlich genau einem Monat haben wir uns ja den zweiten Teil der Masseneffekt-Saga zugelegt, da Electronic Arts von jeglichem Onlinezwang Abstand genommen hat, und weil wir sehr, sehr, sehr gespannt drauf waren, was unseren beiden Shepard-Versionen aus dem ersten Teil denn nun so blüht. Und nun, nachdem wir die Hauptgeschichte für beide mit Begeisterung absolviert haben, wird es Zeit für ein ausführliches Review. Also Leute, wie immer bei solchen Dingen gilt: nur lesen, wenn euch Spoiler nicht schrecken. Und der Vollständigkeit halber sei gesagt: wir kennen nur das Basisspiel ohne jegliche Erweiterung, denn die reizen uns überhaupt nicht; unserer Erfahrung nach wirkt so etwas immer etwas aufgesetzt und hat außerdem kein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Worum geht’s? Commander Shepard hat gerade das Universum der Menschen und anderen Ratsvölker vor einer Invasion der Reaper bewahrt, allerdings starb dabei der alte Rat, und die Menschen als galaktische Emporkömmlinge beherrschen ihn nun in der neuen Zusammensetzung (übrigens, es müsste auch einen alternativen Anfang geben, bei dem der Rat nicht ausgelöscht wurde, weil man sich in ME1 entsprechend entscheiden konnte, aber in keinem unserer Spielstände haben wir das getan, und bei einem neuen Charakter scheint diese Vorgeschichte auch vorgegeben zu sein; wer da was Näheres weiß, kann uns diesbezüglich gerne schlau machen). Dummerweise sind Shepard und seine Crew die einzigen, die von der wirklichen Bedrohung der Reaper wissen, der Rest der Welt will das nicht wahrhaben und hält die bloßen Handlanger, die synthetischen Geth-Truppen, für den wahren Feind. Und als Shepards Schiff im eindrucksvollen und interaktiven Intro von einem unbekannten Kreuzer pulversiert wird, nimmt die Öffentlichkeit das zum Anlaß, ihn und seine Mission schnell als Heldentat zu verklären und dann unter den Teppich zu kehren – denn Shepard stirbt bei diesem Angriff.

Selbstverständlich nicht endgültig, denn die alte Schurken-Schattenorganisation Cerberus, gegen die man in Teil 1 während einiger Nebenmissionen fröhlich antreten durfte, fügt den Kommandeur zwei Jahre lang wieder zusammen. Eigener Aussage tut sie das alleinig, um die Menschheit – und vorrangig nur diese – vor den Reapern zu schützen, denn im gesamten Universum scheint nur sie an deren Bedrohung zu glauben. Und so kommt es, dass Shepard von nun an mit Cerberus’ Anführer zusammenarbeiten muss, der schlicht “Der Unbekannte” genannt wird – wir nennen ihn auch liebevoll den MassEffect-G-Man.

Mass Effect 2 merkt man deutlich an, dass es in seiner Geschichte und auch seinem Spielkonzept einen Gegenpol zum Vorgänger darstellen will, was auch teilweise gelingt. Am Direktesten wird dies am eigentlichen Gameplay klar. Die individuellen Charakterfertigkeiten wurden auf wenige Kernfähigkeiten vereinfacht, was uns sehr entgegen kam, denn schon in Teil 1 haben wir davon viele einfach nicht genutzt. Deutlich nerviger fanden wir die Entscheidung, statt unbegrenzt munitionierter Waffen mit Überhitzungskonzept wieder das altbackene Munitionskonzept zu übernehmen, bei dem man ständig vom Feind fallengelassene Magazine aufklauben muss – ein echter Schritt zurück. Die Kämpfe bestehen in Teil 2 größtenteils darin, sich hinter diversen Wänden und Kisten Feuerschutz zu suchen und von dort aus mit Gewehrsalven oder den bewährten Jedi- Biotik-Kräften den Feind zu beharken. Insgesamt gesehen sind jedoch diese Kämpfereien für uns unterhaltsamer gewesen als in Teil 1, aber wir haben auch den Eindruck, dass sie exzessiver eingesetzt wurden als anno dazumals.

Ebenfalls umfangreicher als damals ist auch die Grafik, die schlicht bestechend schön ist und extrem stimmungsvoll. Wie im ersten Teil ist sie untrennbar mit cineastisch entworfenen Kameraführungen und den gewohnt flüssigen Dialogen samt animierten Figuren verwoben, sodass man teilweise schon vergessen kann, dass da gerade ein Spiel läuft und kein Film – dass die Synchronsprecher der deutschen Version erstklassig sind, versteht sich da glücklicherweise schon von selbst. Die Mimiken und Gestiken der Personen sind sehr ausgereift, aber was auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf: während den Dialogen darf man – sorgfältig platzierte – Unterbrechungsaktionen durchführen, wie zum Beispiel einem Halbstarken einfach die Waffe aus der Hand zu nehmen oder einen pöbelnden Söldner kurzerhand durch die hinter ihm befindliche Scheibe zu kicken. Also genau die Dinge, die man manchmal schon seit Teil 1 tun wollte :) .

Auch die diversen Erkundungs- und Kampfkulissen sind sehenswert. Die Omega-Raumstation beispielsweise wirkt so sehr wie eine wiederauferstandene Version von Blade Runner’s Los Angeles, das wir minutenlang in die digitalen Straßenschluchten geschaut haben. Übrigens hat uns die bewußt minimalistische Begleitmusik mit ihrem Synthesizer-Stil streckenweise ebenfalls an den alten Streifen erinnert, wenn sie denn nicht gerade in ihr anderes Extrem verfällt, nämlich in den genretypischen orchestralen Space-Opera-Bombast. Meistens nahm uns aber der Rest der Handlung derart gefangen, dass es ganz gut passte. Aus irgendeinem uns unerfindlichen Grund haben sich die Entwickler übrigens dazu entschieden, innerhalb der neuen Normandy keine Musik mehr laufen zu lassen, wie das im ersten Teil noch war, als man dort durch die Gänge gelaufen ist. Das fanden wir zu Beginn irritierend und auch jetzt noch sehr schade!

Die Nebenmissions-Außeneinsätze sind nun kleinere begehbare Levels, im Gegensatz zum Vorgänger, bei dem man mit dem Mako auf einem kleinen Planetenareal umhergebraust ist. Auch da fanden wir den ersten Teil etwas interessanter, dafür werden in Mass Effect 2 nicht immer dieselben Gebäude wiederverwendet, was wiederum ein Pluspunkt ist. Insgesamt hält sich da für uns Positives und Negatives in der Waage. Ansonsten sind die Zwischenmissionen geblieben, was sie sind, nämlich mäßig interessantes und durch Add-Ons leicht erweiterbares Füllmaterial zwischen den Hauptmissionen.

Soviel zum Gameplay und der Technik, aber was ist der Geschichte an sich? Die bleibt unserer Ansicht nach deutlich hinter dem ersten Teil zurück. Zuerst einmal hatten wir erwartet, uns mit dem Unbekannten ordentlich anlegen zu können, da er ja einen ernsthaften Feind von einst darstellt. Aber weder unser striktes Vorbild Julius Shepard noch unser Abtrünniger Xavier Shepard schafften es, ihn irgendwie aus der Reserve zu locken. Zum Vergleich: auch im ersten Teil kann Shepard hin und wieder mit seinem Auftraggeber, dem Rat, eine Videokonferenz abhalten. Da ging es auch teilweise richtig zur Sache, beispielsweise konnte der der gute Xavier nach heftiger Schreierei den Rat einfach mal abwürgen, und der beschwerte sich bitterst in der nächsten Videokonferenz darüber! Davon ist überhaupt nichts geblieben, die Konferenzen mit dem Unbekannten sind erstens immer verpflichtend und zweitens stinklangweilig, da sie ungeachtet des Gesagten immer gleich enden – der Unbekannte bleibt stets cool, weiß immer alles, behält die Fassung. Sowieso hätten wir gerne unseren vorbildlichen Julius viel mehr gegen Cerberus und den Unbekannten rebellieren lassen, aber das war absolut unmöglich, da die Handlung diesbezüglich ein sehr starres Korsett vorgibt. Auch bei vielen anderen Dialogen hat man den Eindruck, dass der Ausgang immer gleich ist, gleichgültig, ob man nun die Vorbild- oder Abtrünnigen-Antworten gegeben hat.

Das ist nur ein Detail von vielen: die Queststruktur und die dahintersteckende Spielmechanik ist für erfahrene Spieler ziemlich offensichtlich. Wie in Teil 1 werden Leute für das Team gesammelt, dann findet die erste Hauptmission statt, dann werden weitere Leute gesammelt, abschließend werden die klar absehbaren Hauptmissionen eine nach der anderen bis zum Finale durchgeackert. Das ist an sich nicht schlecht, aber durch die klare Absehbarkeit der Zusammenhänge leidet die Spannung. Der Spieler wird nahezu ständig mit der Aussage konfrontiert, dass er vor Antritt der Endmission alle Schiffsupgrades und Mannschaftsmissionen erledigen soll, denn sonst gibt es am Ende unweigerlich Verluste innerhalb der rekrutierten Truppe.

Und so scannt man dann unzählige Planeten nach Ressourcen, um besagte Upgrades zu kaufen (sehr nervig), und die Teammitglieder melden sich praktischerweise direkt beim Spieler, um ihm eine Mission vorzuschlagen, die irgendeinen alten Konflikt ihrer Vorgeschichte zu einem Abschluß bringt und damit ihre Loyalität festigt. Diese Missionen sind in ihrer Abwechslung und ihrem Ideenreichtum ein echtes Highlight im ansonsten eher langweiligen Alltagstrott zwischen den Hauptmissionen. Nach wie vor ist es darüber hinaus wie in Teil 1 möglich, mit den Teammitgliedern ins Gespräch zu kommen oder auch mit einigen von ihnen eine Romanze anzufangen, aber ehrlich gesagt hätte es Mass Effect 2 besser getan, insgesamt weniger Charaktere intensiver einzusetzen – so jedoch führt man zwar interessante und mitunter auch echt witzige, aber eben wenige Story-Dialoge mit den vielen verschiedenen Leuten. Auch sind in der Gesamtheit der Story-Einfälle manchmal derart abgegriffene Plotwendungen darunter (“Huch, es sind ja gar nicht alle Geth böse, sondern ausgerechnet nur die, gegen die wir bisher gekämpft haben…”), dass wir zugegeben dabei die Augen verdreht haben.

Ehrlicherweise sind das aber schon die einzigen Schwachpunkte des Spiels, wenn man sie so überhaupt nennen kann, denn er Spaßfaktor ist insgesamt so hoch wie bei kaum einem anderen Titel für uns gewesen. Alleine die Querelen zwischen der Schiffs-KI EDI und dem altgedienten Piloten Joker sind im Ansatz sehr schön – es hätte Mass Effect 2 deutlich gut getan, wenn die Teammitglieder irgendwie mehr untereinander agiert hätten, anstatt als bloße Ansprechstationen für den im Schiff herumrennenden Commander herumzulümmeln.

Fazit: Es hat große Freude gemacht, die altbekannten Gesichter unseres Shepard-Gespanns wieder als Vorbild und Abtrünniger in Aktion zu sehen und durch die technisch nahezu perfekte Geschichte von Mass Effect 2 zu jagen, auch wenn gerade die Handlung besser vielschichtiger denn epischer hätte sein sollen. Trotzdem wirkt sie immer noch liebevoll in ihren Details, da auch viele bekannte Gestalten aus Teil 1 und seinen Nebenmissionen wieder auftauchen. Nach dem Spaß, den wir insgesamt mit Teil 2 hatten, warten wir gepannt auf Teil 3.

Rating: ★★★★½

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