Inzwischen haben sich Animationsfilme zweifellos als erfolgreiches Genre etabliert; ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass es mittlerweile auch eine Reihe recht schematischer Durchschnittswerke gibt – das ist erst dann möglich, wenn der Mainstream erreicht ist und die Produktionskosten entsprechend gesunken sind. Und eben wegen dieser Entwicklung stach für uns Rango in seiner Ankündigung heraus, weil er schlicht seltsam und ein wenig rauher wirkte. Und obwohl er hinter dieser unserer Erwartung zurückbleibt, wird er wahrscheinlich aber dennoch der für uns ungewöhnlichste Animationsfilm des Jahres 2011 sein.
Worum geht’s? Um ein namenloses Haustier-Chamäleon, welches seinen Besitzern in der Wüste verlorengeht und daraufhin in einer staubigen verfallenen Westernstadt voller Wüstentiere landet, die um ihr täglich Wasser kämpfen. Auf seiner Suche nach einer Rolle, einem Namen und einer Identität überhaupt nimmt das Protagonisten-Tierchen recht schnell die Rolle des Revolverhelden und folgerichtig des Sherrifs an. Und ebenso folgerichtig kämpft Rango – als Film wie als Charakter – sich einen absolut vorhersagbaren Plot entlang.
Das mag alles so gewollt sein, nicht zuletzt als scharfsinnige Referenz all jener ideengebenden Italo-Western und anderer Filme wie Verbinskis vorangegangene Piraten-Werke oder auch “Fear and Loathing in Las Vegas”, aber die Handlung verschafft dem Film kein interessantes Alleinstellungsmerkmal. Auch die extrem hohe Qualität der Bilder tut dies nicht, und auch nicht die amüsante wie klischeehafte Darstellung der Dorfbewohner.
Wirklich interessant machen den Film Rangos Träume und seine Irrfahrten in einer Art indianisch-spirituellen Welt, die einen surrealen Ton in dem Film bringen, und die zu einem nicht unerheblichen Teil dankbarerweise etwas das Tempo aus dem Film nehmen. Genau dieser Aspekt, der die Wüste als leere Bühne und Spiegelbild für Rangos Suche nutzt, der sie mit Dali-haften Bildern füllt, der hilfreiche Geister in Form eines wandernden Gürteltiers und eines gleichfalls namenlosen Geist des Westens in Clint-Eastwood-Form auftreten lässt – dieser Aspekt macht Rango zu etwas zumindest partiell Neuem.
Damit zeigt sich – unserem Empfinden nach ungewollt, aber weiß das schon…? – der Film Rango insgesamt ebenfalls als identitätssuchend. Was er genau sein will, kann er im Gegensatz zum Protagonisten nicht so recht finden. Ein Western? Eine psychedelische Metapher? Ein 3D-Actionspektakel mit Raubvogel- und Maschinengewehr-Fledermausjagden? Eine milde Gesellschaftskritik, wegen der Monopolisierung des lebenswichtigen Wassers? Alles zusammen?
Rango krankt unserer Ansicht nach wie alle Artgenossen des Animationsfilms daran, dass sie sich einfach nicht von ihren Vorfahren, den Zeichentrickfilmen für Kinder, lösen können. Dass sie moralische Aussagen nicht ohne das verpflichtende Happy-End erzählen dürfen – der ständig angekündigte Protagonistentod durch den griechisch-mexikanischen Eulen-Mariachi-Chor findet selbstverständlich nicht statt. Und er krankt auch daran, dass mindestens eine klar abgegrenzte wildeste Verfolgungsjagd stattfinden muss, um die 3D-Technik maximal auszureizen (wobei wir den Film tatsächlich nur in 2D gesehen haben, ein wahrscheinlich glücklicher Zufall, durch den uns die weggefallene Reizüberflutung mehr Raum für den Rest des Films ließ) und damit auch denen was zu bieten, die für den Rest nicht so empfänglich sind.
Hätte Rango das geschafft, will heißen den Mut aufgebracht, den simplen Slapstick und die Action-Kirmes zugunsten der Reflektion zu tauschen und anstelle der Schnittmuster-Nebenrollen wirkliche Charaktere zu verwenden – also bewußt kein Familienfilm mehr zu sein, und sich auf die verbleibenden Aspekte zu konzentrieren – dann wäre es ein Film geworden, der über Jahre hinaus als Meilenstein hätte gelten können, der der Erzählung und dem Konzept der Animationsfilme eine neue Richtung gegeben hätte. So bleiben es nur Impulse und ein unterhaltsamer Abendfilm. Und das ist jammerschade.
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